Am Freitag hat meine Cousine geheiratet. Und zwar mit einem Deutschen. Man kann sich gut vorstellen, ich war im voraus begeistert: Hochzeit bedeutet klasse Essen, endlos Champagner, und je besoffener ich bin, desto besser kann ich Deutsch. Also eine gute Gelegenheit, mein Deutsch ordentlich zu üben.
Zum Glück ging es nur um standesamtliche Trauung, keine kirchliche Hochzeit, was mir ganz recht war. Standesamtliche Trauung geht ja schneller und kann auch klasse sein. Und zwar war der Heiratraum im Rathaus tatsächlich Klasse, mit drei grossen klassischen Gemälden, Polstersesseln, altem poliertem Parkettboden und irgendwelchen Goldauflagen an Wand und Decke, also wie eine kleinere Version von Versailles. Darüber hinaus ist der Bürgermeister von 11. Stadtbezirk in Paris ein erfahrener Kerl, der seine Hochzeitrede ganz schön und fein bearbeitet hat. Er hat die drei grossen Gemälde erklärt, die eigentlich die unterschiedlichen Stufen eines glücklichen Heirats darstellen, hat auch von einer Frau erzählt, die gerade hundert Jahre alt geworden ist und die damals in eben diesem Raum getraut wurde. Nie hättet sie gedacht, dass sie so lang überleben und über siebzig Enkelkinder als Matriarchin regieren würde. Alles sehr elegant ausgedrückt und ausgesprochen, auch mit ein paar Witzen gemischt, und insgesamt unter dreissig Minuten lang. Im Endeffekt waren die Franzosen mit der Leistung des Bürgermeisters ganz zufrieden. Die Deutschen hatten nur Bahnhof verstanden, aber dafür hatte die Stimmung ihnen sehr gefallen. Danach haben allen noch eine Weile im Park des Rathauses rumgehängt, und sind dann zum Festsaal abgehauen: die Party sollte los gehen.
Ich habe eine Grosse Familie: meine Grosseltern haben damals sechs Kinder gehabt, die auch viele Kinder bekommen haben. Mein Vater war der Jüngste, deshalb bin ich auch deutlich jünger als die meisten meiner zahlreichen Cousinen. Darum habe ich vorher als Kind schon viele Hochzeite erlebt, und weiss ganz genau, wie das Abendessen bei solchen Ereignissen langweilig sein kann: man muss ewig sitzen und kann sich nur mit ein paar Nachbarn am selben Tisch unterhalten. Sind die Nachbarn bekloppt, hat man dann Pech für vier Stunden.
Dieses Mal war es ganz anders: kein protokollarisches Abendessen, sondern ein Cocktail. Das heisst, man konnte am Tisch sein Essen und Getränke abholen, und damit wandern, Leute kennen lernen, draussen im Park sitzen, also ganz locker und gemütlich. Und es hat richtig gut geklappt: die beide Familien haben sich gut gemischt, und die Hauptsache war ja, daß die Neuvermählten glücklich waren, was jedem auch Spass machte. Darüber hinaus waren das Essen und das Champagner klasse, obwohl keiner am Ende richtig besoffen war. Bei einer Party wäre es schade gewesen, aber bei dieser Hochzeit war es um so besser, denn es war ein Zeichen, das die jungen Leute roger waren, zusammen abzuhauen, um etwas wilderes in Abwesenheit der sittenstrengen Tanten zu unternehmen.
Die Neuvermählten hatten einen Raum in einer Kneipe bestellt, wohin wir gegen 23:30 gingen. Ein paar Deutsche und ich auch hatten am Ende keinen Bock mehr, Champagne zu trinken und wollten endlich was frisches Bier saufen. Die Stimmung war lockerer geworden, und die Deutschen bildeten dann die Mehrheit unserer Truppe, was ich ziemlich gut fand. Im Gegenteil zu meinem Bruder, der überhaupt kein Wort Deutsch kapiert, aber irgendwie hat er auch seinen Spass gehabt, denn ein paar Leute dabei konnten richtig gut Französisch.
Leider nach erst fünf Bieren wollte mein Cousin zurück nach Hause. Da ich und mein Bruder bei ihm pennten, tranken wir noch das sechste Bier aus, und dann gingen los gegen 3:30. Mein Deutsch war immerhin deutlich besser geworden, doch ich bin ein fleissiger Knabe und wusste, ich konnte noch weitere Fortschritten machen. Also wollte ich unbedingt noch ein Bier auf dem Weg trinken, und überzeugte die anderen dazu. Wir fanden aber nur eine Kneipe, die sauvoll war. Nachdem ich ein paar Leute auf dem Weg umgebracht hatte, konnte ich auf einen Leichenstapel steigen und dem Kellner endlich ansprechen: "Drei Biere bitte!" Die Antwort traf mich wie ein Blitz: "Dreiunddreissig Euro bitte!". Erstmal habe ich gedacht, der Typ glaubte ich wollte eine ganzes Fass einkaufen. Aber nein, das Bier war bloss scheiss teuer. Und ich hatte fürchterlichen Durst, daher habe ich für das teuerste Halb-Liter Pisse meines Lebens bezahlen. Ja, das Bier war furchtbar. Keine Ahnung, wieso es so viele Leute dabei waren. Zu feuchtwarm, zu laut, zu voll. Wir versteckten die noch halb vollen Gläser in unseren Jacken und verlassten die blöde Kneipe. Das Bier war aber so eklig, wir konnten nicht austrinken. Mein Glas habe ich einfach in einen Mülleimer auf der Strasse fallen lassen, und dann sind wir ins Bett gegangen. Morgens früh sind wir um 12:30 auf gestanden. Ich war der einzelle, der keinen Kater hatte. Oder nur einen leichten.
Ein paar Leute aus dieser Hochzeit werden wahrscheinlich auf dieser Seite vorbei schauen, darum möchte ich zum Abschluss dieser Nachricht einfach noch sagen, es war eine richtig tolle Hochzeit, mit toller Party und coolen Leute. Gebt mir Bescheid, wenn ihr mal in Paris zum Besuch seid. Egal wann, ich kenne euch dann noch.
Edit: Und auch herrzlich danke zu meinem Kumpel Andreas, der mir eine vollständige Sprachkorrektur geschickt hat! - 21 korrigierte Fehler, nächstes Mal versuche ich, das Zahl geringer zu machen ;)
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